Meinung: Remix oder Gemischte Gefühle

Fotografie im freien Fall?

In Sachen Fotoausstellungen ist in Bremen nicht viel los. Um so erstaunlicher, dass ausgerechnet die Kunsthalle eine präsentiert. „Remix. Photographie – Fiktion und Wahrheit“ – ein Titel, der nicht nur Neugier weckt, sondern eine These ankündigt. In Zeiten von KI, Deepfakes und digitaler Bilderflut ist das Verhältnis von Fotografie und Wahrheit kein Randthema mehr, sondern Kernfrage. Wer so betitelt, positioniert sich. Wer „Fiktion und Wahrheit“ verspricht, muss beides zeigen – und vor allem ihr Spannungsfeld.

Alles andere wäre … nun ja … mutig betitelt.

Mit entsprechend hoher Erwartung betrete ich die Kunsthalle Bremen.

Der erste Raum überzeugt. Bernd und Hilla Becher setzen mit ihren streng komponierten Industriebauten einen klaren, dokumentarischen Auftakt. Typologien als vermeintlich objektive Wahrheit. Kohlebunker, Fachwerkhäuser, Wassertürme – alles was die geneigten Besuchenden erwarten. Gegenüber: Pinsel-Heinrich, also Zille – kleine Kontaktabzüge, keine wirklich besonderen Bilder. Nehmt die Lesebrille mit, ihr werdet sie brauchen. Und dann ein echter August Sander: Der Maler Heinrich Hoerle. Ein Blick, der durch Jahrzehnte trägt. Fotografie als Zeitzeugnis. Als Wahrheitsbehauptung.

Doch genau hier beginnt mein Zweifel.

Wenn eine Ausstellung „Fiktion und Wahrheit“ im Titel trägt, erwarte ich Reibung. Brüche. Einen Dialog zwischen dokumentarischem Anspruch und inszenierter Wirklichkeit. Zwischen analoger Spur und digitaler Konstruktion. Zwischen Beweis und Behauptung.

Stattdessen sehe ich vieles nebeneinander – aber wenig gegeneinander. Der Rest ist nett, aber nicht mehr. Die Bilder eher aus der zweiten Reihe. Keine wirklichen Highlights. Thomas Ruff mit seinem farbenfrohen „Substrat“ und Thomas Struht mit zwei Bildern aus Museen stechen noch am ehesten heraus. Doch sie stehen eher als Namen im Raum denn als Argumente. Viel Großformat, viel Fläche – aber wenig gedankliche Zuspitzung.

Wo wird Fotografie als Lüge entlarvt?

Wo wird ihre Konstruktion offengelegt?

Wo wird ihre Glaubwürdigkeit ernsthaft infrage gestellt?

Die Ankündigung spricht von KI und digitaler Bilderflut. In der Ausstellung bleibt das erstaunlich abstrakt. „Fiktion und Wahrheit“ wird benannt – aber selten wirklich verhandelt. Ich verlasse die Ausstellung mit gemischten Gefühlen. Gute Arbeiten, große Namen, solide präsentiert.

Aber ein Remix sollte mehr sein als ein Neuarrangement des Bestands. Er sollte irritieren. Verschieben. Eine These wagen. Hier bleibt es beim Nebeneinander.

Vielleicht liegt die eigentliche Pointe von „Fiktion und Wahrheit“ ausgerechnet dort, wo sie nicht verhandelt wird:

Ein starker Titel erzeugt Erwartung. Ein Konzept müsste sie einlösen.