Meinung: Rückkehr zur Kontinuität

Neulich saß ich mit ’nem Kaffee in der Hand, hab durch Instagram gescrollt und dachte: "War da nicht mal was? Jeden zweiten Dienstag ein neuer Hype. Jeden Freitag die nächste „Revolution“. Und jetzt? Funkstille."

Keine neue Super-Alles-Kamera. Kein „Gamechanger-Objektiv“. Kein Preset, der dein Leben rettet. Irgendwie… 

Ruhe im Karton.

Und wisst ihr was? Ist vielleicht gar nicht so schlecht.


Die letzten Jahre waren doch wie Jahrmarkt auf Speed.

Die KI macht angeblich dein Bild. Deine Kamera sieht im Dunkeln besser als eine Katze. Mit 100 Megapixeln, zählst du auch die Poren vom Nachbarn drei Häuser weiter. Und TikTok sagt dir, wie du fotografieren musst – in 15 Sekunden, sonst bist du raus.

Klar, Technik ist toll. Ich liebe Technik. Habe Schränke voll damit. Aber irgendwann war das Ganze wie ein Dauer-Feuerwerk: laut, bunt – und nach zehn Minuten weiß keiner mehr, was eigentlich gezündet wurde. Fotografie wurde zur Feature-Liste, zur Vergleichstabelle und zum Sensor-Battle. Irgendwo zwischen Firmware-Update 3.2.7 und dem nächsten „Must-have“ ist uns was flöten gegangen: Zeit!

Fotografie war nie dafür gedacht, nur Content zu sein. Sie war immer ein Prozess, ein Projekt, eine Serie oder eine Idee, die wachsen durfte. Vielleicht auch nur ein Interesse an Dingen, die uns begegneten. 

Interesse ist ein gutes Stichwort. Wenn wir fotografieren was uns interessiert, begeistert, inspiriert, genau dann entstehen gute Bilder. Nicht wenn wir dem letzten Trend hinterhecheln. Begeisterung sieht man Bildern an. Trend hinterherlaufen auch.

Wer macht, was alle machen, geht halt unter.

Schaut euch mal wieder die Arbeiten von großen Fotografen an. Die haben nicht jeden zweiten Tag ihr Thema gewechselt, weil der Algorithmus gerade Lust auf Street statt Landschaft hatte. Die sind dran geblieben. Und genau das fehlt uns gerade. Nicht noch ein neues Preset. Sondern Geduld!

Kontinuität ist sexy (auch wenn’s keiner zugibt)

Ein Thema über Monate verfolgen, Immer wieder zurückkehren, Fehler machen, Verwerfen, neu denken. Nicht alles sofort posten. Nicht jedes Bild direkt ins Netz kippen. Lasst mal wieder ’ne Serie wachsen, lasst Dinge liegen und reifen oder geht bewusst nicht auf jeden Trend ein.

Klingt langweilig? Ist es nicht. Es ist Arbeit. Und Arbeit war noch nie TikTok-tauglich.

Was mir noch fehlt?

Echte Menschen. Nicht nur Mails, Whatsapps und Herzchen. Stattdessen Fototouren mit Diskussionen über Licht und Leben. Ausstellungsbesuche, bei denen man (be-)wundernd vor einem Bild steht und einfach mal die Klappe hält. Treffen, bei denen nicht der Sensorvergleich im Mittelpunkt steht, sondern vielleicht sogar die Idee gemeinsam etwas zu schaffen. Kamera um den Hals, Gespräche im Kopf.

Oder gemeinsam eine Ausstellung besuchen – zum Beispiel bei den Recontres d’Arles oder vielleicht auch eine nicht ganz so weit weg, doch Träume sind erlaubt. Fotografie war immer auch Begegnung, nicht nur Datenübertragung.

Nehmen wir den „Stillstand“ als Chance

Was viele gerade als Flaute empfinden, bietet in Wahrheit Zeit zum Umdenken. Mal ehrlich: die Technik ist gut genug, manche Kamera ist schon absurd gut. Wir müssen wirklich nicht mehr upgraden, um bessere Bilder zu machen. Jetzt liegt der Ball wieder bei uns. Lassen wir die Ausreden mal weg. Wenn gerade kein Hype schreit, können wir wieder der inneren Stimme zuhören. Unsere Themen, unsere Geschichten, unseren Blick zeigen.

Mein Rat (ungefragt, aber gut gemeint)

1. Such dir ein Thema.

2. Bleib mindestens ein halbes Jahr dran.

3. Zeig nicht alles sofort.

4. Triff echte Menschen.

5. Geh in Ausstellungen, nicht nur in Feeds.


Vor allem: Mach weniger Lärm, mach lieber mehr Substanz. 

Kontinuität ist nicht sexy im Algorithmus. Aber sie ist verdammt sexy im Werk.

Am Ende willst du doch kein Content-Produzent sein, sondern Fotograf.

Und jetzt raus mit euch. Licht wartet nicht. 😉