Ojen uff! Frühling kannste nich im Menü einstellen.

Ast oder Tier?

Frühling.

Endlich mal wieder Licht, Luft und dieses leise Gefühl, dass man nicht den ganzen Tag drinnen vor irgendeinem Display versauern sollte. Also: Ojen uff! Und raus an die frische Luft. Nicht in Lightroom. Nicht in YouTube. Nicht in die nächste Objektivdiskussion. Raus.

Der Wald macht gerade mehr als dein Preset

Hier bei uns, nicht weit von Bremen, gibt’s so’n Ort, da vergisst man ziemlich schnell, wie unwichtig manche Foto-Debatten eigentlich sind: den Hasbruch. Ein Wald, fast schon ein Urwald. Da wächst, kippt und gammelt alles so, wie es will. Nichts geschniegelt. Nichts aufgeräumt. Kein Forstamt geht mit dem Rechen durch.

Alte Eichen stehen da rum wie Figuren aus ’nem Fiebertraum. Verbogene Stämme, knorrige Äste, Wurzeln wie Finger. Und unten breitet sich zwischen den noch kahlen Bäumen ein Teppich von Buschwindröschen aus, so zart, dass man fast automatisch leiser wird.

Fast.

Und plötzlich fängt der Kopp an zu spinnen

Dann stehst du da. Guckst auf so ’ne alte Eiche und denkst: „Moment mal… ist dit nich ein Mensch mit’m Hirschkopf?“ Zwei Schritte weiter: **„Und da? Der Ast sieht aus wie’n Krokodil.“  Noch ein paar Meter: „Ick schwör, der Stamm da drüben ist ein dicker Vogel.“

Willkommen in der wunderbaren Welt des menschlichen Hirns. Wir sehen nicht nur Formen. Wir interpretieren sie. Das nennt sich nicht nur Wahrnehmung, das ist auch ’ne verdammt gute Übung für Fotografen. Denn gute Bilder entstehen nicht nur dadurch, dass da was vor dir steht. Sondern dadurch, dass du etwas darin erkennst.

Fotografieren heißt nicht nur abbilden

Das ist so ein Punkt, der gerne vergessen wird. Viele gehen raus und suchen: schöne Farben, nettes Licht, bisschen Blümchen oder ein bisschen Waldromantik. Kann man machen. Aber interessanter wird’s doch, wenn du nicht nur dokumentierst, sondern entdeckst. Ein Ast ist nicht nur ein Ast. Ein umgestürzter Stamm nicht nur Totholz. Ein Schatten nicht nur dunkel.

Manchmal ist da plötzlich: ein Gesicht, ein Tier, eine Bewegung, eine Figur, eine kleine Geschichte. Und genau da wird’s spannend.

Der Frühling ist eine Seh-Übung

Der Hasbruch ist im Frühling kein Postkartenmotiv. Zum Glück. Er ist besser. Denn zwischen kahlen Kronen, hellem Grün,altem Holz und weißen Blütenteppichen passiert genau das, was vielen Fotografen fehlt: Man muss wieder richtig gucken. Nicht klicken. Nicht scrollen. Nicht „mal sehen, was ich später draus mache“. Sondern sehen.

Wo ist die Form? Wo ist die Linie? Wo ist die Wiederholung? Wo ist das, was nur du da gerade siehst?Und wenn du plötzlich in einem Baumstamm einen alten Herrn mit Hut erkennst – herzlichen Glückwunsch. Dann fängt Fotografie gerade an, Spaß zu machen.

Ojen uff! – nicht nur für Buschwindröschen

 Buschwindröschen sind übrigens gemein. Die sehen erstmal aus wie: „Ach, süß.“ Und zack – schon hockt wieder einer mit Makroobjektiv im Dreck und produziert 47 Bilder von Blüte Nummer 3. Kann man machen. Aber vielleicht hebste zwischendurch mal den Kopp. Denn über den Blümchen passiert oft das eigentlich Spannende:

  • Licht zwischen Ästen
  • bizarre Baumformen
  • grafische Linien
  • Strukturen von Rinde und Moos
  • Kontraste zwischen zart und uralt

Der Frühling ist nicht nur Blume von unten mit unscharfem Hintergrund. Der Frühling ist auch: Chaos, Kontrast und Charakter.

Mein Rat (wie immer ungefragt)

Geh in den Wald nicht nur mit Kamera. Geh mit Neugier.  Lass dir Zeit. Bleibe mal stehen. Guck länger auf Dinge, die andere einfach übersehen. Denn manchmal ist der beste Moment nicht das offensichtliche Motiv. Sondern die Sekunde, in der Du denkst: „Warte mal… dit sieht ja aus wie…“ Genau dann. Abdrücken.

Fazit

Der Frühling ist kein Filter. Er ist eine Einladung. Zum Rausgehen. Zum Langsamerwerden. Zum Gucken. Und wenn Sie gerade das Gefühl haben, Sie bräuchten mal wieder frische Luft im Kopf und nicht nur auf der Festplatte: Ojen uff! Ab in den Wald. Am besten dahin, wo nicht alles geschniegelt ist. Zum Beispiel in den Hasbruch. Da steht dann vielleicht ein Hirschmensch. Oder ein Krokodil. Oder einfach nur ein alter Baum. 1000 Jahe alt. Aber selbst wenn’s nur ein Baum ist: Wenn Sie richtig gucken, ist das oft schon mehr als genug.


5 Seh-Übungen für draußen im Frühling

1. Erst 5 Minuten nicht fotografieren

Ja, wirklich.

Einfach nur gucken.

Wer sofort knipst, sieht meistens nur Oberfläche.

2. Such keine Motive – such Formen

Gesichter, Tiere, Figuren, Linien, Wiederholungen.

Dein Hirn liebt Muster. Nutz dit.

3. Heb auch mal den Kopp

Nicht nur Blümchen unten.

Oben passiert oft der spannendere Kram.

4. Geh näher ran – oder weiter weg

Assoziationen entstehen oft erst durch Abstand.

Manchmal ist der „Hirschmensch“ erst aus drei Metern ein Hirschmensch.

5. Frag dich: Was seh nur ich hier?

Genau da beginnt dein Bild.

Nicht bei der Blume, die alle fotografieren.

Hirschmensch. Und was siehst du?

Mehr Bilder aus dem Hasbruch HIER