Größer, schöner, weiter: Der Quatsch mit der Offenblende


Belustigt verfolge ich das Gespräch zweier "Foto-Experten." Stolz vergleichen sie alten Rolleiflex-Kameras. Das sind diese schönen alten anlogen Kameras mit den zwei Objektiven auf der Vorderseite. Der Schachtsucher wird auf der Oberseite aufgeklappt, so daß man von oben hineinschauen muss. "Pah" entfährt es dem einen Experten, "du hast ja nur das 3,5er Objektiv! Für Bokeh brauchst du das 2,8er"

Worum geht es? Die größtmögliche Blendenöffnung des Objektives ist gemeint. Also das Maß dafür wieviel Licht durch das Objektiv einfallen kann. Und genau das ist der Springende Punkt: nicht das Bokeh, sondern die Helligkeit. Das hat Auswirkungen auf das Sucherbild. Je heller das Sucherbild ist, desto besser kann bei den alten analogen Kameras scharf gestellt werden. Nur bei den alten analogen? Nein, auch moderne Autofocus-Systeme in System-Kameras arbeiten besser, je mehr Licht sie bekommen. Der Unterschied: bei Spegelreflex-Kameras, egal ob analig oder digital, bemerke ich den Helligkeitsunterschied zwischen verschiedenen Objektiven. Bei Systemkameras dagegen täuscht mich die Elektronik mit einem gleich bleibend hellen Sucherbild. Deshalb ging es zu analogen Zeiten nicht um Bokeh, also Hitergrundunschärfe, sondern allein um die bessere Möglichkeit manuell scharfzustellen.

Warum es Quatsch ist immer mit Offenblende zu fotografieren

Und jetzt kommen wir zu dem Punkt, an dem man sich draußen auf Fototreffen manchmal fragt, ob eigentlich noch fotografiert oder nur noch Hintergrund vernichtet wird. Denn inzwischen scheint für viele zu gelten: Je unschärfer der Hintergrund, desto professioneller das Bild. Da wird fotografiert mit  f/1.2, f/1.4 oder f/1.8…und zwar immer. Egal ob Portrait, Häuserwand, Kaffeetasse oder Currywurst. Hauptsache hinten wird alles schön matschig. 

Heimlich beneidet mancher Stanley Kubrick der für den Film 2001: Odysee im Weltall ein Zeiss Panar 50mm f/0.7 (!!!) nutzen konnte.


Bokeh kann schön sein. Natürlich. Keine Frage. Ein ruhiger Hintergrund kann ein Motiv wunderbar freistellen. Gerade bei Portraits funktioniert das oft hervorragend.  Aber irgendwann wurde aus einem gestalterischen Mittel eine Art Religion. Und plötzlich sieht man Bilder, bei denen exakt drei Millimeter scharf sind – meistens die linke Wimper – während der Rest schon in die nächste Dimension verschwimmt. Dann sitzt du davor und denkst: „Ja schön… aber wat soll ick jetzt eigentlich angucken?“

Offenblende ersetzt keine Bildgestaltung

Das ist nämlich der eigentliche Punkt. Viele benutzen Offenblende heute wie früher manche Leute Weichzeichner benutzt haben: drüberkippen und hoffen, dass es irgendwie nach Kunst aussieht. Aber Hintergrundunschärfe allein macht noch kein gutes Bild. Wenn das Motiv langweilig ist, bleibt es langweilig. Nur eben unscharf drumherum.

Früher hatte das einen ganz praktischen Grund

Das wird heute gerne vergessen. Große Blendenöffnungen waren lange Zeit vor allem ein technischer Vorteil. Mehr Licht im Sucher bedeutete: besser fokussieren, schneller arbeiten, präziser gestalten. Gerade bei Spiegelreflex- und Großformatkameras war das entscheidend. Wer einmal versucht hat, bei wenig Licht auf einer Mattscheibe exakt scharfzustellen, weiß plötzlich sehr genau, warum ein lichtstarkes Objektiv keine Lifestyle-Entscheidung war. Das hatte nichts mit „cinematic look“ zu tun. Das war schlicht Handwerk.

Und heute?

Heute sehe ich Leute mit modernsten Kameras bei strahlendem Tageslicht auf f/1.2 fotografieren, obwohl das Bild dadurch nicht besser wird – nur schwieriger. Denn Offenblende hat auch Nebenwirkungen:

  • minimale Schärfentiefe
  • Fokusfehler fallen brutal auf
  • Gruppenbilder werden problematisch
  • Bildgestaltung wird schwieriger
  • Kontext verschwindet

Und manchmal verschwindet dabei leider genau das, was das Bild interessant gemacht hätte. Der Hintergrund ist nicht der Feind. Es muss nicht alles freigestellt werden. Der Hintergrund erzählt oft mit oft.

Ein Portrait ohne Umgebung kann funktionieren. Aber manchmal macht erst die Umgebung das Bild spannend:

  • der Arbeitsplatz
  • die Straße
  • das Zimmer
  • das Licht im Raum

Wenn alles in Unschärfe ersäuft, bleibt manchmal nur noch: Person vor Matsch.


Blende ist ein Werkzeug, kein Statussymbol

Darum geht’s eigentlich. Die Blende ist kein Wettbewerb. Nicht: „Mein Objektiv kann f/1.2.“ Sondern: „Welche Blende braucht dieses Bild?“ Manchmal ist das Offenblende. Und manchmal eben: f/5.6, f/8, oder sogar f/11. Ja, wirklich. Nicht erschrecken. Denn Schärfentiefe ist keine Strafe, sie ist Gestaltung.

Der eigentliche Luxus ist nicht das lichtstärkste Objektiv. Der eigentliche Luxus ist zu wissen wann man es warum einsetzt. Das ist der Unterschied zwischen Technik besitzen und Fotografie verstehen.

Mein Rat (ungefragt, aber nötig)

Fotografiert doch mal einen Tag lang bewusst nicht mit Offenblende. Ja, wirklich. Schließt die Blende mal ein bisschen. Und dann beobachtet:

  • wie sich Räume verändern
  • wie Vorder- und Hintergrund plötzlich miteinander arbeiten
  • wie Bildgestaltung wieder wichtiger wird
  • wie viel entspannter Scharfstellen plötzlich sein kann

Und vielleicht merkt ihr dann:

Das Bild lebt nicht von maximaler Unschärfe. Sondern von einer guten Entscheidung.

Zurück zu unseren beiden Foto-Experten. Die haben nämlich inzwischen gemerkt, dass die Ingenieurenden von damals auch nicht dumm waren. Die Rolleiflex, so wie alle Zwei-Äugigen-Spiegelreflex haben ein Objektiv zur Aufnahme, das andere ist für den Sucher. Und siehe da: während die Aufnahme-Objektive bei der einen f/3.5 und bei der anderen f/2.8 aufweisen, wiesen beide Sucher-Objektive f/2,8 auf. In beiden (Schacht-)Suchern ist das Bild also gleich hell zu sehen und gleich gut damit zu arbeiten. 

P.S.:

Den Streit um die einzig wahre, richtige, heilige vom Fotogott empfohlene Mattscheibe erspare ich uns mal.