Größer, schöner, weiter: Warum Objektive gar nicht für Offenblende gebaut werden (Teil 2)


Jetzt wird's ein bisschen technisch. Keine Angst, wir machen das ohne Taschenrechner. Denn die bittere Wahrheit lautet: Die meisten Objektive sind bei Offenblende gar nicht am besten. Ja, ich weiß. Das klingt erstmal wie Ketzerei. Schließlich wird uns seit Jahren erzählt, dass f/1.2, f/1.4 oder wenigstens f/1.8 der heilige Gral der Fotografie sei. Ist es aber nicht.

Objektive sind optische Systeme. Und wie alle optischen Systeme haben sie kleine Fehler. Die Fachleute nennen das Abbildungsfehler oder Aberrationen. Ich nenne das lieber: Die Physik macht mal wieder nicht, was die Werbung verspricht. Deshalb erreichen die meisten Objektive ihre beste Leistung nicht bei Offenblende, sondern wenn man sie um etwa zwei ganze Blendenstufen abblendet.

Von f/1.4 also auf f/2.8. Oder von f/4.0 auf f/8.0.

Und plötzlich werden Ecken schärfer, Kontraste sauberer und die ganze Abbildung wirkt ruhiger. Mit anderen Worten: Das Objektiv atmet einmal tief durch und sagt: "So, jetzt kann ick arbeiten."

Woher kommen eigentlich diese komischen Zahlen?

Und jetzt wird's richtig lustig. Viele lesen auf ihrem Objektiv, wenn es noch einen Blendenring besitzt:

1.4, 2, 2.8, 4, 5.6, 8 … oder so ähnlich ...

…und denken sich: „Na schön. Aber wer hat sich den krummen Quatsch eigentlich ausgedacht?“ Die Antwort ist überraschend einfach. Die Blendenzahl ist nichts anderes als ein Verhältnis:

Blendenzahl = Brennweite ÷ Durchmesser der effektiven Öffnung. Klingt kompliziert? Ist es gar nicht.

Nehmen wir ein 50-mm-Objektiv bei f/2. Dann gilt:

50 mm ÷ 2 = 25 mm.

Die Öffnung, durch die das Licht tatsächlich fällt, hat also ungefähr 25 Millimeter Durchmesser. Bei Blende 4 sind es folglich nur noch 12,5 mm, also deutlich kleiner. 

Bei f/1.4 wäre die Öffnung eines 50-mm Objektives schon etwa 36 Millimeter groß.

Je kleiner also die Zahl hinter dem f, desto größer die Öffnung und desto mehr Licht kommt durch.

Und genau deshalb ist ein 300-mm-f/2.8-Objektiv so ein riesiger Trümmer. Denn da braucht man eine Öffnung von über zehn Zentimetern Durchmesser. Da wird einem plötzlich klar, warum die Dinger aussehen wie eine Mischung aus Fernrohr und Wasserwerfer.

Warum ist die Banane... äh, sind die Blendenstufen so krumm?

Und jetzt kommt die Frage, die im Fotokurs früher oder später garantiert auftaucht:

„Meister, warum kommt nach f/4 ausgerechnet f/5.6 und nicht f/5?“ Weil wir Fotografen manchmal etwas merkwürdige Hobbys haben. Genau genommen geht es nämlich nicht um den Durchmesser der Öffnung, sondern um ihre Fläche. Und die Fläche eines Kreises wächst nicht linear, sondern mit dem Quadrat des Radius. Damit sich die Lichtmenge von einer Blendenstufe zur nächsten immer genau halbiert oder verdoppelt, muss der Durchmesser jeweils mit der Quadratwurzel aus zwei verändert werden.

Ja. Da isse. Die Mathematik. Ick hab's auch nich erfunden.

Die berühmte Blendenreihe lautet deshalb:

f/1 – f/1.4 – f/2 – f/2.8 – f/4 – f/5.6 – f/8 – f/11 – f/16 – f/22...

Jede ganze Blendenstufe bedeutet: doppelt so viel Licht oder halb so viel Licht. Das ist eigentlich ganz elegant. Man muss es nur einmal verstanden haben.

Und dann kamen die Digitalingenieure…

Früher war die Welt noch einfach. Da gab es ganze Blendenstufen. Punkt. Heute schaltet man eine moderne Kamera ein und bekommt plötzlich:

f/4.0 – f/4.5 – f/5 – f/5.6 – f/6.3 – f/7.1 – f/8.0…

Da denkst du natürlich: „Hilfe, der Salzmann erzählt Scheiße!“

Dabei machen die Kameras heute einfach Zwischenschritte. Meist Drittel- oder selten halbe Blendenstufen. Das ist praktisch, weil man Belichtung feiner dosieren kann. Das Problem ist nur: Viele lernen diese Drittelstufen auswendig, ohne jemals die eigentliche Blendenreihe verstanden zu haben. Dabei ist die Reihenfolge der ganzen Stufen das eigentliche Gerüst. Die Drittelstufen sind nur die kleinen Trittsteine dazwischen.

Oder anders gesagt:

Wer das Einmaleins kann, muss sich vor Kommazahlen auch nicht fürchten.

Mein kleiner Vorschlag für heute Abend: Schauen Sie doch mal auf Ihr Objektiv, wenn es noch einen Blendenring hat. Oder schauen Sie auf das Display ihrer Kamera. Und dann drehen Sie an der Kamera ganz bewusst mal die ganze Reihe durch. 

Nicht einfach klicken. Nachdenken. Verstehen, was da gerade passiert. Und schauen welche jetzt die ganzen Blendenstufen sind. (siehe oben)  Denn in dem Moment, in dem Sie begreifen, dass hinter diesen merkwürdigen Zahlen eine einfache Idee steckt, hören Sie auf, Blenden nur als Bokeh-Regler zu betrachten. Dann werden sie wieder das, was sie eigentlich sind:

Ein Werkzeug zur Bildgestaltung.

Vielleicht sollten wir wieder anfangen, Objektive nicht nach der größten Öffnung zu beurteilen, sondern nach den Bildern, die wir mit ihnen machen.

5 Dinge, die Sie über Blenden endlich wissen sollten

  1. Das "f" ist keine Geheimschrift. Es steht schlicht für die Brennweite (focal length).
  2. Kleine Zahl = große Öffnung. Ja, das ist anfangs verwirrend. Geht aber vorbei.
  3. Eine ganze Blendenstufe bedeutet doppelt oder halb so viel Licht. Nicht ungefähr. Genau.
  4. Die meisten Objektive mögen Offenblende gar nicht so sehr wie ihre Besitzer. Ein bis zwei Stufen abgeblendet wird's oft deutlich besser.
  5. Blende ist kein Bokeh-Knopf. Sie steuert Licht, Schärfentiefe und die Abbildungsleistung deines Objektivs. Und dit is schon jenug Arbeit.

Dieser Artikel wurde übrigens bei f/5.6 geschrieben. Da ist die Schärfe bis in die Ecken ordentlich.