Allein es fehlt die Synergie. Oder: Warum Fotografie Öffentlichkeit braucht.


Neulich suchte ich mal wieder in meiner Liebling-Fotozeitschrift nach aktuellen Ausstellungen. Natürlich in Bremen und 'umzu.' Dann entfuhr es mir mal wieder: „Dit kann doch nich' allet sein!“

Doch ist es, wohl schon seit Jahren. Rückblick: in den 1980er Jahren gab es in Bremen ein Foto-Forum das Ausstellungen organisierte. International beachtete übrigens. Heute kaum zu glauben. Alten Zeitungartikeln ist aber auch der ewige Streit ums Geld und der Vorwurf der kulturellen Ignoranz zu entnehmen. Ende der 1980er zu der damalige Macher soweit weg wie möglich von Bremen - nach Australien. In den 1990ern gab es Initiativen der Museen. „Es kann nicht sein, dass die großen Foto-Ereignisse Bremen in einem Radius von 200 Kilometern meiden“, äusserte der damalige Leiter des Paula-Moderson-Becker-Hauses, Rainer Stamm. Hauptsächlich das Focke-Museum und die Weserburg glänzten noch in den 90ern mit Fotografen wie Linda McCartney, Andreas Feininger, Robert Lebeck.

Setdem herrscht Stille. Die Musik spielt in Hamburg und für manch gute Fotoausstellungen lohnt die Fahrt nach Hannover, Braunschweig, Lübeck oder Osnabrück.

Bremen die leise Stadt

Es gibt kleinere Ausstellungen, engagierte Initiativen und Menschen, die sich ernsthaft mit Fotografie beschäftigen. Und trotzdem entsteht nicht das Gefühl einer lebendigen, sichtbaren Szene. Es fehlt an größeren, verbindenden Momenten. Es fehlt an Formaten, die über den einzelnen Raum hinausstrahlen. Es fehlt an Kontinuität.

Hinzu kommen Entwicklungen, die das Ganze nicht gerade einfacher machen:

Veranstaltungen verschwinden oder werden ausgesetzt. Dinge, die einmal Publikum angezogen haben, finden nicht mehr statt. Die Hochschule für Künste arbeitet, aber eher leise und ohne große Präsenz im öffentlichen Raum. Und so entsteht langsam, fast unbemerkt, eine Situation, in der vieles existiert – aber wenig zusammenwirkt.

Ein Blick über den Tellerrand

In anderen Städten lässt sich beobachten, wie sehr sich die Situation verändern kann, wenn Fotografie sichtbar wird. Festivals bringen Menschen zusammen. Ausstellungen erzeugen Gespräche. Bücher liegen aus und werden entdeckt. Fotografie findet im öffentlichen Raum statt und wird Teil des Alltags.

Dort entsteht ein Kreislauf: Man sieht etwas, denkt darüber nach, probiert selbst etwas aus, zeigt es, bekommt Rückmeldung und entwickelt sich weiter. Dieser Kreislauf ist nichts Spektakuläres. Aber er ist entscheidend.

Denn wo Menschen der Fotografie begegnen wächst auch die Neugierde. Und letztlich sitzt der eine oder andere dann Irgendwann in einem Fotokurs vor mir. So geschehen schon des öfteren in Oldenburg. Die jährliche "World-Press-Photo"-Ausstellung macht Menschen auch Lust auf Fotografie. 

Meine Erfahrung: je mehr Ausstellungen in einer Stadt stattfinden, desto mehr (verschiedene) Kurse sind im Angebot. In anderen Städten gibt es aktive Fotoszenen, die sich auch im VHS-Programm widerspiegeln. Das ist kein Zufall. Das ist Struktur.

Schauen was da ist

Eine Dauerausstellung in der Kunsthalle zeigt Fotografie. Ich hatte schon darüber geschrieben. Bekannte Namen, eine Sammlung, von jedem ein bisschen, kein durchgängiges Thema. Immer nur ein oder wenige Bilder von einem Fotografen. Klar, könnte ich mir einen aussuschen für den nächsten Kurs. Doch ein Museum kostet Eintritt und das für vielleicht nur ein Bild? Und die eine Kneipe mit den tollen Ausstellungen? Ja die gibt es. Leider eine Raucherkneipe. *hust, hust* Das kann es nicht sein.

Vielleicht ist Bremen gar keine „leise Stadt“.

Vielleicht hat man sich einfach daran gewöhnt, dass nichts passiert. Und vielleicht ist genau das das eigentliche Problem: nicht der Mangel an Fotografie, sondern der Mangel an Anspruch.

Denn wo niemand erwartet, dass etwas entsteht, entsteht auch nichts, das gesehen werden will. Aber genau darin liegt auch die Chance. Es braucht nicht viel, um diesen Zustand zu verändern. Sichtbarkeit beginnt oft im Kleinen – mit einem Raum, einer Idee, ein paar Menschen, die anfangen. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es wieder interessant wird. Wenn aus einzelnen Bildern wieder etwas Gemeinsames entsteht. Wenn aus Nebeneinander ein Miteinander wird.

Wenn Synergie nicht fehlt – sondern entsteht.